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Die „City Farmer“ der nächsten Generationen:

Im Reithmanngymnasium wird Schule essbar

Belebt ist eine Untertreibung für den sogenannten Himmelsgarten der 6c-Klasse (bald wohl 7c) des Innsbrucker Reithmanngymnasiums an diesem heißen Junitag zu Beginn des Sommers 2016. Eine Kindergartengruppe trifft ein, die Schülerinnen und Schüler bringen die Kleinen auf den Dachgarten, zeigen ihnen, wie groß der Kohlrabi schon geworden ist und wie sie ihrem erklärten Ziel, der „essbaren Schule“ näherkommen. 

 

Doch wer nun einen Ausbruch von Chaos erwartet, erlebt eine Überraschung. Sowohl der beaufsichtigende Lehrer als auch die Kindergartenpädagoginnen halten sich entspannt zurück, die Generation der 17-Jährigen und die der 5-Jährigen ernten gemeinsam Gemüse aus dem Topfgarten, der das 150 Quadratmeter große Betondach der Turnhalle begrünt.

Ordnendes Eingreifen der Erwachsenen oder Aufrufe zur Disziplin sind nicht nötig. Der harmonische Umgang ist hier für alle selbstverständlich, denn genauso selbstverständlich sind regelmäßige gemeinsamen Aktivitäten von Kindergarten, Volkschule und Gymnasium.

Hürden in der Wachstumsphase

Im Frühling wurden die Schläuche, die zwischen den 84 Pflanzkübeln ein Bewässerungssystem bilden, mehrfach beschädigt – kein Wunder in einem Garten, der gleichzeitig als Pausenhof dient. Nun wurde der begrünte Bereich eingezäunt, Fangen gespielt wird jetzt nur mehr im Bereich außerhalb des Gartens und das Bewässerungssystem wurde erneuert.

Anja und Martina freuen sich über die Abwechslung, die ihnen das Gärtnern als Praxiseinheit zwischen und nach den regulären Unterrichtsstunden bietet. Je mehr eigenes Gemüse man anbaue und je weniger man im Supermarkt einkaufen müsse, desto besser, finden die beiden Schülerinnen.

Sie würden auch zuhause gerne mehr als ein paar Tomaten am Balkon anbauen, aber derzeit fehle dazu der Platz. Später einmal, nach der Studienzeit, soll dann ein eigener Garten her, erklären die beiden. Deswegen sind sie froh, dass sie nun in der Schule lernen, wie man Gemüse anbaut, und das auch ausprobieren können.

„Der Herr Professor weiß das alles!“

Im Himmelsgarten gibt es einiges zu ernten, derzeit Kohlrabi, aber auch Tomaten  werden bald reif werden. „Wir haben mit Kartoffeln begonnen, später zum Beispiel Kohlrabi dazugegeben. Wir haben immer versucht, die symbiotischen Vorteile der Fruchtfolge zu nutzen.“

Auf die Frage, woher sie das dazu nötige Wissen hätten, kommt von beiden synchron die Antwort „Der Herr Professor weiß das alles und erklärt es uns!“ und die Vermutung, dass dieser auch in seiner Freizeit sehr gern gärtnert und sich deswegen so gut auskennt. 

„Volle guad“

Die Leiterin des Kindergartens Reichenau genießt den frischen Kohlrabi, während Professor Berti erklärt, dass selbstverständlich nur Pflanzen in Bio-Qualität gepflanzt wurden, und rundherum beim Kohlrabiverkosten lauter „Mhms“ zu hören sind.

 

Auch Kindergartenpädagogin Sabrina  schmeckt’s umfassend: Sie findet es einfach hübscher, wenn auf einem Schulhof auch etwas wächst und die Fläche mehrfach genützt wird. Und die Gartenbegeisterung der Kleinen sei groß. Schon in der Früh wurde im Kindergarten der Besuch im Gymnasium vorbesprochen und erklärt, welches Gemüse auf welche Art wächst – welches über und welches unter der Erde.

Den Bezug zur Natur in die Stadt bringen

Umso mehr Spaß mache ihnen jetzt der Praxisteil, bei dem sie sich die besprochenen Sorten in Natura anschauen könnten. Für die Großen und die Kleinen sei es einfach wichtig, wenn ihnen mitgegeben werde, wie Lebensmittelproduziert werden. In Projekten wie dem Dachgarten der Mittelschüler sieht Sabrina also pädagogischen Wert auf mehreren Ebenen.

Denn auch wenn hier in Innsbruck die Natur zum Greifen nah scheint: Kinder, die in städtischer Umgebung aufwachsen, bekämen dieses Wissen nicht mehr automatisch in ihrer Freizeit vermittelt, sagt Sabrina.

 

Auch Christine, Leiterin des Kindergartens Reichenau, sieht das ähnlich: „Für uns ist das Projekt wichtig, damit die Kinder den ganzen Wachstumsprozess von der Pflanzung bis zur Ente mitbekommen. Im Kindergarten haben wir ein kleines Beet, anhand dessen wir den Kindern diese Erfahrung mitgeben wollen, weil sie es von zuhause nicht mehr unbedingt mitbekommen.“

 

Wissen über die Natur als Fundament für die Kleinsten

Die Gemüseverkostung ist keine einmalige gemeinsame Aktivität im Bezirk Reichenau. Neben anderen veranstalten der Kindergarten, die Volkschule und das Reithmanngymnasium laufend gemeinsame Projekte und besuchen einander gegenseitig.

Etwa zur Besichtigung des Brieftaubenschlags, in dem Thomas Tauben unterbringt, die von ihren Besitzern nicht mehr gewollt werden, weil sie nicht mehr fliegen können. Hinter dieser Kooperation steckt oft Thomas Berti, ein Lehrer, der für die Vermittlung von Natur und Nachhaltigkeit anscheinend regelmäßig Extrameilen geht.

 

„Viele der gemeinsamen Projekte gehen von Thomas Berti aus, weil er den Schülern Wissen so praxis- und naturnahe vermittelt und uns einbezieht“, erklärt Christine. „Wir freuen uns immer, wenn er sich meldet. Teilweise sind seine Schüler früher bei uns im Kindergarten gewesen und man trifft sich dann wieder und den Kindern taugt’s. Außerdem ist es einfach schön, wenn wir wissen, dass das, was wir den Kleinsten zu vermitteln versuchen, in der Mittelschule dann ausgebaut wird und nicht einfach wieder verlorengeht.“  

„Ohne dreckige Händ’ geht ma heit’ koana!“

Währenddessen überwacht der engagierte Lehrer, dass in der letzten Schulwoche noch einmal alle mithelfen. Gefragt, ob sie sich eigentlich gerne nach der Schule noch um den Schulgarten kümmert, erklärt Antonia:

„Es macht einfach Spaß! Ich interessiere mich für gesunde Ernährung und ich habe hier zum ersten Mal gesehen, wie Gemüse eigentlich wächst. Zuhause haben wir einen Kräutergarten, aber für den bin nicht ich zuständig. Hier lernen wir, wie man essbare Pflanzen als solche erkennt. Der Herr Professor zeigt uns, wie man aus Unkraut (aus Giersch, Anm.) Salat machen kann. Das war der beste Salat meines Lebens!“

Während der Sommerferien kümmern sich Moritz und Manuel ohne ihre Mitschüler um den Garten. Dazu hält Thomas lobend fest: „Es ist nicht selbstverständlich, dass zwei Schüler das freiwillig in ihren Sommerferien machen!“

Angesprochen darauf, dass auch dieses besondere Engagement eines Lehrers nicht als selbstverständlich gelten kann, erwidert dieser nur trocken: „Ich kenn es nicht anders, sonst wär ich nicht Lehrer geworden.“

Seine Schüler springen mit einem großen Kompliment ein – Morten erklärt: „Was Professor Berti für uns zu einem besondere Biologielehrer macht, ist, dass er uns auch in der Oberstufe, in der man oft sehr viel Theorie lernt, etwa über Mikrobiologie, noch eine praktische Dimension der Inhalte zeigt.“